Ganz schön was los in den Opernhäusern! KiKuMa hat sich das Angebot angeschaut, das große deutschsprachige Musiktheater speziell für Kinder zusammengestellt haben. Der Opernhaus-Test mit Bewertung hilft gegen Schwellenängste und macht Lust auf einen Besuch.
Wie war das erste Mal? KiKuMa fragt nach den ersten Erlebnissen mit der Oper. War es ein unterhaltsamer Abend oder eine Quälerei?
Schickt eure Geschichte an info@kikuma.de. Unter den Einsendern werden Sachpreise verlost.
Die Geschichte von Leserin Tanja findet ihr am Ende der Seite.
Elke Heidenreich ist eine prominente Fernseh-Moderatorin. Viele Erwachsene lieben ihre Bücher-Tipps. Die Journalistin bearbeitet aber auch Opern, damit sie für Kinder tauglich sind. Im Interview erzählt Elke Heidenreich, was ihr an Kinderopern liegt und warum diese wichtig sind.
Ich war zwölf Jahre alt und hörte gerne Schlager. Meine Großeltern spielten mir dann Platten mit Operngesang vor, was in mir den Wunsch weckte, einmal in die Oper zu gehen. Meine Eltern redeten mir das mit der Begründung aus, ich würde nichts davon verstehen und außerdem hätte ich keine Geduld, so lange sitzen zu bleiben. Doch dann kam der Tag als "La Traviata" im Fernsehen gezeigt wurde. Ich war fasziniert, vor allem von der weichen Stimme des Tenors, von seinem innigen Liebeswerben. Immer mehr wurde ich in den Bann gezogen von dem Leiden Violettas und Alfredos. Als sie am Ende starb und der Tenor unaufhörlich schluchzte, (man sah sein Zittern und seine Tränen und hörte in der Stimme seine Erschütterung,) da war es um mich geschehen. Damals weinte ich noch lange. Diesen Tag beschrieb ich dann in mein Tagebuch als einen der schönsten Tage und zeichnete Placido Domingo dazu. Noch heute bin ich eine Liebhaberin der großen Gefühle auf der Bühne und habe viele weitere Opern gesehen.
Tanja R.
WIE OFFEN SIND DIE TEMPEL DER HOCHKULTUR FÜR UNSEREN NACHWUCHS? EIN WECHSELSPIEL ZWISCHEN GENERVTEN OPERNBESUCHERN UND AMBITIONIERTEN KULTURPÄDAGOGEN.
Opern und Kinder, wie passt das zusammen? Das ist doch viel zu schwierig! So oder so ähnlich lauteten lange Zeit gängige Vorurteile. Das Gegenteil stimmt: Oper ist selbst für die Jüngsten einfach faszinierend, auch ohne spezielle Programme für Kinder.
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Olivia und Markus sind echte Opernfans. Dabei sind sie erst zwölf und neun Jahre alt. Die beiden sitzen meistens in derselben Reihe wie ich. Manchmal, wenn sie einer großen Arie lauschen, sehen sie aus, als hätten sie die Welt um sich herum völlig vergessen. Wenn der Vorhang aufgeht und die Sänger in ihren märchenhaften Kostümen die Bühne betreten, bewegen sich ihre Köpfe immer wieder hin und her, neugierig, ganz fasziniert. Kein Detail der Inszenierung soll ihnen entgehen. Nur gegen Ende, nach zwei, drei Stunden, lässt ihre Konzentration nach. Als Markus Olivia dann etwas zuflüstern will, kassiert er sofort einen Rüffel: „Pssst! Ihr seid hier nicht zuhause!“ zischt ihn ein freundlich aussehender Mann mittleren Alters an. „Kinder in der Oper!“, seufzt er und schaut dabei Hilfe suchend in meine Richtung. „Ist das hier ein Spielplatz?“
In diesem Moment weiß ich: Natürlich! Die Oper ist ein Spielplatz! Die Bühne ist die Welt in klein, und die Schauspieler stehen dort symbolisch für alle Menschen. So wie Kinder das nachspielen, was Erwachsene vormachen, führen Opernsänger Stücke auf, in denen alle großen Themen des Lebens vorkommen: Glück, Liebe, Schmerz, Tod. Im Theater passiert eigentlich das Gleiche. Aber die Oper trifft uns mit ihrer Musik direkt ins Herz. Wir freuen uns mit den Darstellern, leiden noch intensiver mit ihnen, lachen, weinen und trauern.
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Opern wie der Nussknacker sind ein Spielplatz der Fantasie für Kinder und mit Kindern. |
Das funktioniert natürlich auch bei Olivia und ihrem Bruder Markus. Wie finden sie eigentlich die Oper? „Oper ist etwas ganz Besonderes“, sagt Olivia. „Das große Haus ist wie eine andere Welt, ein bisschen wie im Märchen. Und wenn dann das Orchester zu spielen anfängt, kribbelt es sogar ein bisschen. Man kriegt richtig Gänsehaut.“ „Na ja“, sagt Markus, „letztes Jahr war’s einmal voll langweilig. Da bin ich dann raus gegangen, aber ganz leise.“ „Wir gehen regelmäßig mit den Kindern in die Oper“, erklären mir die Eltern der beiden. „Seitdem Olivia acht ist, nehmen wir sie mit. Bei Markus haben wir das genauso gemacht. Wir sind beide große Opernfans und wollen unseren Kindern die Oper schon ganz früh nahe bringen. Wir sind da nicht die Einzigen.“ Nun hat mich endgültig die Neugier gepackt: Ist die Oper wirklich ein Platz für Kinder?
Eine kurze Internetrecherche zeigt schnell: Fast jedes Opernhaus im deutschsprachigen Raum hat spezielle Programme für Kinder. Mit Kursen, Workshops und Kinder-Aufführungen sollen dort schon die Jüngsten an die Oper herangeführt werden. Oper ist ja schließlich auch sehr beeindruckend. Ein Theater mit Musik, fantastischen Kostümen, einem riesigen Orchester mit Pauken, Trompeten und Streichern und Sängern, die mit ihren Stimmen einen ganzen Saal zum Beben bringen können. Eine Kunstform, von der aber nun viele sagen, sie sei nichts für Kinder.
„Kinder und Oper schließen sich gegenseitig aus“, erklärt mir am nächsten Tag ein bekannter deutscher Opernschaffender, den ich telefonisch nach seiner Meinung frage. „Ich bin zufrieden mit den 40- bis 70-Jährigen. Sie haben schon viel in ihrem Leben und ihrem Beruf hinter sich und wollen jetzt ihren Geist verfeinern. Für Kinder ist das nichts. Oper überfordert sie.“ Eine ziemlich harte Aussage, so hart, dass der Mann seinen Namen nicht gedruckt sehen will. Und eine Aussage, die ich so nicht ganz akzeptieren kann. Olivia und Markus jedenfalls kamen mir überhaupt nicht überfordert vor.
„Kinder haben viel, viel mehr intellektuelles Potenzial als die meisten Leute denken“, stimmt mir Wilfried Hiller zu. Der 67-Jährige weiß, wovon er redet. Er ist selbst Opernkomponist, hat zusammen mit dem Kinderbuchautor Michael Ende die Kinderoper „Das Traumfresserchen“ geschrieben. Hiller sagt mir, dass Kinder seiner Meinung nach aber nicht nur in speziell für sie geschriebene Opern gehen müssen. „Der Freischütz, Die Zauberflöte, Das Rheingold, alles, was einen sagenhaften Hintergrund hat, interessiert Kinder genauso wie Erwachsene“, sagt er. „Kinder sind das tollste Publikum. Sie gehen völlig unverkrampft in eine Aufführung, sagen aber auch völlig unverblümt ihre Meinung zu dem, was sie sehen und hören. Entweder sie finden ein Stücke ganz großartig oder total langweilig.“ Hiller denkt sogar über eine Oper für Schwangere nach. „Wie wir aus der Medizin wissen, haben Embryos schon mit vier Monaten ein voll ausgebildetes Gehör“, sagt der Opernpionier.
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Die Oper “Marouf, der Schuster von Kairo” dauert etwa eine Stunde – und sie geht mit einem guten Ende aus. |
Aber sind Opern-Aufführungen von vier Stunden und mehr wirklich etwas für Kinder? Wollen Kinder so lange still sitzen und andächtig zuschauen, während weit weg auf der Bühne Opernsänger etwas in einer fremden Sprache singen? „Ich würde diese Frage nicht nur auf Kinder beziehen“, meint Eike Ecker, Leiterin und Regisseurin der ersten deutschen Kinderoper in Köln, dazu. „Auch viele Erwachsene haben Schwierigkeiten, Wagner-Texten zu folgen“, stellt sie klar. Aus langer Erfahrung weiß sie, dass auch viele Erwachsene nur nicht zugeben wollen, dass sie Opern wie die besonders komplizierten und langen Stücke von Richard Wagner nicht immer verstehen. Eckers Anspruch ist es, Kinder in der Oper auf keinen Fall zu unterfordern.
Trotzdem hat sie zusammen mit anderen Kollegen und der bekannten Autorin und Moderatorin Elke Heidenreich an der Kinderoper in Köln einen besonderen Weg gewählt, um Kindern das Musiktheater nahe zu bringen: „Wir bearbeiten die Opern und kürzen sie auf eine Länge von maximal einer Stunde.“ Elke Heidenreich formuliert auch die Texte um. „Außerdem arrangieren wir die Musik für ein Kammermusikensemble mit maximal 18 Musikern“, erzählt Frau Ecker weiter. Sie legt aber Wert darauf, dass die Musik nicht umgeschrieben wird. „Kinder kommen selbst mit schwerer Kost wie Ravel sehr gut zurecht. Wir sehen die Verzauberung, die mit den Kindern passiert, wenn der Vorhang aufgeht, wenn sie Töne und Melodien hören, die sie noch nie gehört haben. Für sie gibt es keinen anderen Ort mit so viel sinnlicher Nähe. Die Kinder lachen und weinen mit den Darstellern. Nach dem Konzert ist es manchmal sogar wie bei Tokio Hotel. Die Kinder kommen zum Ensemble und wollen Autogramme.
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Ganz nah am Geschehen: Kinder bei der Aufführung der Zauberflöte in der Wiener Staatsoper. |
Ganz wichtig ist für Kinder aber die Nähe zu dem, was auf und hinter der Bühne passiert. Der „Blick hinter die Kulissen“ beflügelt ihren Forschertrieb
und ihre Fantasie. Deswegen dürfen Kinder in der Kölner Kinderoper sogar auf die Bühne, mit den Sängern sprechen und die bunten Kostüme anfassen.
„Kinder sollen das klassische Opernrepertoire kennen und lieben lernen“, sagt mir auch die Wiener Regisseurin, Musikerin und Autorin Klaudia Kadlec. An der Oper in Zürich studiert sie mit bis zu 50 Kindern klassische Opern ein. Die Kinder spielen die Opern komplett nach. Mit dabei sind drei Musiker, zwei Sänger und ein Schauspieler, die Kinder sind die Spielpartner und vorher nicht auf das Stück vorbereitet. Sie bekommen den Text einsouffliert, also leise vorgesagt. In der letzten Opernsaison hat Kadlec in Zürich 13 klassische Opern mit Kindern aufgeführt, für den neuen Spielplan sind neun Opern vorgesehen.
Der Herr, der sich so über Olivia und Markus aufgeregt hatte, hat also unrecht gehabt. Die Oper ist sehr wohl ein Platz für Kinder. Aber wer weiß, vielleicht bekommt der gute Mann ja noch einen größeren Schock, wenn er demnächst eine Karte für die Oper in Verona ergattern sollte. Denn in der norditalienischen Stadt finden nämlich in einer alten römischen Arena jedes Jahr Opernaufführungen statt, die bei Opernfans aus der ganzen Welt als etwas ganz Besonderes gelten. Und der Münchner Unternehmer Rainer C. Klose hat mit „Kinder und Opern“ extra einen Verein gegründet, der Kinder zu solchen ganz besonderen Opernaufführungen bringt. In Verona gab es in den vergangenen Jahren ebenfalls Zuschauer, die sich über die Kinder des Vereins beschwerten. Denn die durften an ihnen vorbei zuerst in die Arena. Die Verantwortlichen der Oper haben auf diese Beschwerden reagiert: Die Kinder gehen nun über den roten Teppich des VIP-Eingangs zu ihren Plätzen – die Erwachsenen stehen weiter Schlange.