Vom lieben Gott bis zur aktuellen Medizin:
Acht Beispiele, wie Fantasie die Welt verändert.
Sieben einfache Tipps, wie Mütter und Väter die Fantasie ihrer Kinder unterstützen können.
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Mit Fantasie sieht man mehr – wie bei diesem Vexierbild: Je nach Betrachtungsweise lässt sich eine junge oder eine alte Frau erkennen. Über die Vorstellungskraft entscheiden im Gehirn Synapsen, die als Kontaktstellen zu den Nervenzellen wirken |
Siehst Du den Mann im Mond? Jetzt knipst er das Licht an! Unsinn? Wer weiß, dass der Mond nachts hell leuchtet, weil die Sonne ihn anstrahlt, mag sich nur schwer vorstellen, dass es dort jemanden gibt, der jede Nacht eine Lampe anschaltet. Für Kinder hingegen ist diese Vorstellung nicht absurd, sie können daraus sogar eine ganze Geschichte entwickeln. Das ist wichtig für ihre Entwicklung, weil sich dadurch die sogenannten „Metakompetenzen“ bilden.
Darunter verstehen Experten vorausschauendes Denken und Handeln, Folgen abschätzen, Probleme beleuchten, Lösungen durchspielen, Aufmerksamkeit fokussieren sowie Prioritäten setzen, Fehler einsehen und korrigieren. All diese Fähigkeiten sind nicht angeboren, sondern entwickeln sich in den ersten sechs bis sieben Lebensjahren. Eine Zeit, die so schöpferisch wie nie wieder ist.
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Mann im Mond: Nur Erwachsene zweifeln daran |
Kinder haben sie noch – die unbegrenzte Fantasie. Die Möglichkeit, aus dem Nichts heraus eine Welt mit eigenen Gestalten, Regeln, Problemen und Lösungen zu erschaffen.
Kein Wunder: Mit drei Jahren verfügt ein Kind über rund 200 Billionen Synapsen – das sind doppelt so viele wie bei einem Erwachsenen –, die als Kontaktstellen zu den Nervenzellen fungieren. Das bedeutet eine von der Natur offensichtlich gewollte Überkapazität an Verschaltungsoptionen im kindlichen Gehirn.
„Die Anzahl dieser Optionen und damit die Möglichkeit zum Fantasieren nimmt vom ersten bis zum 15. Lebensjahr um rund ein Drittel ab“, erklärt Professor Gerald Hüther, der die Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der Universität Göttingen leitet.
Der 57-jährige Mediziner definiert Fantasie als „das Zusammenfügen von Erinnerungsspuren und Erfahrungen zur Kreation einer eigenen Gedankenwelt“. Fantasie ist Hüther zufolge nicht möglich ohne entsprechende Erfahrung: „Man kann nur spinnen, so weit der Faden reicht.“
Die Erfahrung wird allerdings ab einem bestimmten Alter auch zum Feind der Fantasie. „Ist die eigene Erfahrungswelt sehr groß – wie bei einem Erwachsenen – dann begrenzt sie die Fähigkeit zur Erschaffung einer eigenen Gedankenwelt“, erläutert Hüther.
„Fantasie ist eine wichtige Voraussetzung für die Ausbildung bedeutender Fähigkeiten im Erwachsenenalter“, sagt auch Entwicklungspsychologin Professorin Annette Boeger von der Universität Duisburg- Essen. Sie ist überzeugt: „Fantasie fördert Flexibilität und Kreativität. Sie lässt Menschen spontaner werden, sorgt für die konstruktive Vorstellungskraft. Einfühlungsvermögen erwächst aus der gedanklichen Möglichkeit, sich in andere Personen hineinzuversetzen.“
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Um was für ein Tier handelt es sich hier? Zu Ostern antworteten in einer Umfrage 77 Prozent der Befragten: „ein Hase“. Im Herbst glaubten dagegen 88 Prozent an einen Vogel (Gans, Ente oder Storch). |
Kleine Kinder unterscheiden oft nicht zwischen Fantasiewelt und Realität. Sie sind Grenzgänger, die beide Welten vermischen. Die Wissenschaft erklärt dies damit, dass die Bilder im menschlichen Sehverarbeitungszentrum des Gehirns entstehen: „Die Fantasie stimuliert die gleichen Bereiche der Hirnrinde wie ein reales Erlebnis“, so Neurobiologe Hüther.
Auch bei nichtbildlichen Vorstellungen werden diese Bereiche im Gehirn aktiviert. Übrigens nicht nur beim Menschen. Alle lernfähigen Tiere fantasieren. „Junge Tiere spielen – wie junge Menschen“, sagt Hüther. „Wer frei spielt, braucht Fantasie. Und die entfaltet sich am besten ohne Druck, ohne Regie, ohne zeitliche Begrenzung.“
Vollends zwischen Realität und Irrealität zu unterscheiden, lernen die meisten Kinder in der Schule. Und sie lernen schnell noch etwas: Dass Fantasie in unserer Kultur keinen hohen Stellenwert hat.
„Menschen beginnen dann sehr schnell, ihrer eigenen Fantasie Fesseln anzulegen“, bedauert Hüther. Die Besuche im Reich der Fantasie werden seltener, als Erwachsener bleibt uns häufig nur ein kurzer Tagtraum, der an die einstmals so blühende kindliche Fantasiefähigkeit erinnert.
Viele Kinder entwickeln in jungem Alter einen Fantasiefreund, sprechen mit ihm, bitten um ein Extra-Gedeck auf dem Tisch für einen unsichtbaren Gast. Für Eltern keine einfache Aufgabe, mit diesem Verhalten umzugehen.
„Doch für die Kinder ist dieser imaginäre Freund äußerst sinnvoll. In ihn werden Wünsche projiziert, er gibt dem Kind Rückhalt und es kann mit ihm verschiedene Alltagssituationen durchspielen. Insofern hat ein Fantasie-Freund therapeutische
Wirkung“, betont Diplompsychologin Helga Gürtler (siehe auch 7 Tipps, was Eltern tun können).
Mit Beginn der Schulzeit verschwinden diese imaginären Gestalten in den meisten Fällen. Problematisch wird es, wenn ein Kind noch lange nach der Einschulung in der irrealen Welt verhaftet bleibt und die Grenze zwischen beiden Welten immer wieder unbewusst überschreitet. Diese Kinder stehen bei Gleichaltrigen als Lügner da. Wer
die Grenzen zur Realität nicht achtet, wird in der Gesellschaft schnell ausgegrenzt. Als Kind und als Erwachsener.