„Wir haben kein Geld. Aber dafür erhältst Du Bildung!“, trösteten mich meine Eltern als Kind, wenn es wieder für ein gerade angesagtes Utensil nicht reichte. Und damit meinten sie ganz selbstverständlich auch kulturelle Bildung. Statt in kindliche Statussymbole wurde in die Klavierstunde investiert. Mein Glück!
Denn seit damals begleitet mich die Musik. Sie ist unverzichtbarer Teil meines Lebens geworden. Aber ich erhielt auch die Chance, diese zu entdecken. Ebenso wie Musik müssen Theater, Tanz, Literatur, bildende Kunst oder Film entdeckt werden. Jedes Kind verdient diese Chance. Denn was es nicht kennenlernt, danach kann es sich nicht sehnen. Und was wäre das Leben ohne Kunst und Kultur? Trostlos!
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Gitta Connemann ist Mitglied des Deutschen Bundes tages und Vorsitzende der Enquête-Kommission “Kultur in Deutschland” |
Deshalb ist aus meiner Sicht auf keinem Feld die Verantwortung der Familie, des Staates und der Gesellschaft größer. Bei der kulturellen Bildung geht es um den ganzen Menschen – um Persönlichkeitsbildung, Phantasie und Kreativität. Gesang, Malen, Tanz machen nicht nur stark sondern auch klug.
Neurobiologische Studien zeigen,dass eine frühzeitige ästhetische Erziehung Intelligenz, schulische Leistung und Sozialverhalten fördert. Merk-, Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeit werden ebenso gestärkt wie das logische Denken. Kulturelle Bildung ist also einer der Hauptschlüssel zu Teilhabe.
Zu Recht wird deshalb landauf,landab der Wert kultureller Bildung gepriesen. Nur – zwischen Sonntagsreden und Alltagshandeln klafft zu häufig ein Unterschied. Gerät eine Kommune in Not, muss zuerst die Bücherei geopfert werden. Denn es handelt sich um eine sogenannte freiwillige, also haushaltsrechtlich „entbehrliche“ Leistung. Die Erzieherin in einer KiTa mit einem Bauchladen voller Lieder scheint ein Wunsch traum zu werden. Und an vielen Schulen werden Kunst und Musik nicht oder nur wahlweise angeboten.
Dies ist nicht nur ein Vergehen an Kindern, die zunehmend in der Fami lie nicht mehr mit Kunst und Kultur vertraut gemacht werden. Damit schaden wir auch der Entwicklung unseres Landes. Wir haben kein Öl, das wir fördern könnten. Unsere Rohstoffe sind Wissen und Kreativität. Die Förderung in PISA-Fächern hilft da alleine nicht. Es braucht kultureller Bildung, damit angehende Handwerker und Ingenieure lernen, ihre schöpferischen Kräfte zu entfalten.
Sicherlich ist zunächst die Familie gefordert – aber heute nicht selten überfordert. Wo Eltern mit ihren Kindern nicht mehr basteln oder lesen, muss der Staat flankieren.
Dies beginnt bei Kindertageseinrichtungen, die Bildungs- nicht nur Betreuungsstätte sind. Erzieher müssen deshalb stärker als bisher in der Vermittlung kultureller Bildung ausgebildet werden. In der Schule dürfen bei der Konkurrenz um enge Finanzmittel und knappe Lernzeit Fächer wie Musik, Kunst, Geschichte oder Deutsch nicht vernachlässigt werden. Und der Zugang für Kinder zu Kultur darf auch außerhalb der Schule keine Frage des Geldes sein sondern sollte erleichtert werden wie z.B. durch Kulturgutscheine anstelle von weiteren Transferleistungen. Die Vergabe öffentlicher Mittel an Kultureinrichtungen sollte mit der Bedingung verknüpft, kulturelle Bildungsangebote für Kinder nachzuweisen.