Lesen und vorlesen lassen macht nicht nur schlau wie es zur Zeit von Politik und Pädagogik breit diskutiert wird, sondern es macht auch viel Spaß. Das kann man erfahren, wenn man die Homepage der
Stiftung Lesen anschaut, die auch viele Anregungen und Termine bietet.
Lust auf das "gedruckte Wort" macht auch die Sparte Lesen in unserer Schatzkiste.
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VON DER KUNST KINDER DURCH VORLESEN ZU FASZINIEREN
Wer sich einmal wie König Artus oder Richard Löwenherz fühlen möchte, muss sich keine teure und schwere Krone aufsetzen - sondern sich einfach etwas vorlesen lassen. Denn im Mittelalter war es ein fürstliches und sogar königliches Statussymbol, sich einen Vorleser leisten zu können. Sie waren weit weniger verbreitet als heute ein esstischgroßer Flachbildschirm. Nur wenige konnten lesen. Aber jeder war, genau wie heute, an Geschichten interessiert, die einen abends noch einmal so richtig zum Lachen, zum Träumen oder sogar zum Gruseln bringen. Je nach Stimmung und Geschmack. Deshalb gehörte das Vorlesen zum Tagesausklang in Burgen und Schlössern dazu wie das prasselnde Kaminfeuer.
Vorlesen ist aber weit mehr als nur eine Methode, um sich und andere per Gedanken-Zeitmaschine an einen mittelalterlichen Königshof zu versetzen. Es ist – auch in Zeiten von SpongeBob und einer Fülle von elektronischen Medienangeboten – immer noch eine der faszinierendsten Familienbeschäftigungen, die es gibt. Für Kinder, aber auch für Eltern beziehungsweise Großeltern, Tanten, Onkels und natürlich Patchwork-Verwandte. Es lohnt sich, es einfach einmal wieder auszuprobieren: Deckenlicht aus, Leselampe an, und schon kann es losgehen. Dabei wird schnell deutlich: Man muss nicht das Stimmtalent des Harry-Potter-Hörbuchsprechers Rufus Beck besitzen, um Kinder in zufriedene Zuhörer zu verwandeln. Wichtiger als radiotaugliches Timbre in der Kehle ist die Freude am Vorlesen.
Natürlich schafft Vorlesen im hektischen Familienalltag nicht automatisch vom ersten Moment an eine heile Welt – und schon gar nicht die Idylle eines Familienporträts vergangener Jahrhunderte. Darum geht es auch gar nicht. Auch uns ist bewusst: Vorlesezeit ist oft mühsam erkämpfte, hundert anderen Aufgaben und Herausforderungen abgetrotzte Zeit. Aber wir wissen auch – und das ist das Ergebnis vieler Projekte und wissenschaftlicher Untersuchungen der Stiftung Lesen: Sehr viele Eltern werden, wenn sie erst einmal dem Vorlesen eine Chance geben und es ausprobieren, zu regelrechten Vorlesefans. Sie haben Feuer gefangen – und möchten es im Familienalltag nicht mehr missen.
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Ein Buch vorzulesen, macht allen Vergnügen: denen, die zuhören, und dem, der vorliest, wie hier Bundespäsident Horst Köhler. |
Hinzu kommt: Vorlesen ist die preiswerteste Investition in die Zukunft unserer Kinder. Es schafft wesentliche Grundlagen für das, was schulischen Erfolg voraussetzt: Konzentrationsvermögen, Sprachkompetenz und die Fähigkeit, sich mit intellektuellen Inhalten auseinanderzusetzen. Vor allem jedoch weckt Vorlesen die Neugier und das Interesse für Geschriebenes. Vermutlich deshalb nannte bereits Goethe das Vorlesen „die Mutter des Lesens”. Die moderne Entwicklungspsychologie gibt dem Dichter recht: Kinder, die regelmäßig vorgelesen bekommen – und dies übrigens so früh wie möglich und am besten noch weit ins Grundschulalter hinein – sind mittelfristig weit souveräner beim Lesen-Lernen und im Umgang mit Texten.
Um so beklagenswerter ist es, dass die Vorleskultur in den Familien akut gefährdet ist: Die Vorlesestudie der Deutschen Bahn „Vorlesen in Deutschland 2007” in Kooperation mit DIE ZEIT und Stiftung Lesen belegt: 42 Prozent der Eltern von Kindern im „besten Vorlesealter” unter zehn Jahren lesen nur unregelmäßig oder gar nicht vor. Eltern von Mädchen und Jungen im Kindergartenalter sind noch am vorlesefreudigsten. Aber auch hier geht jedes dritte Kind in Bezug auf Vorlese-Geschichten ganz leer aus oder muss sich mit nur hier und da verabreichten Vorlese-Portionen begnügen. Nach der Einschulung, einer psychologisch besonders wichtigen Zeit, in der Kinder besonders viel Motivation benötigen, hören viele Eltern sogar auf mit dem Vorlesen. Viele von ihnen glauben, jetzt sei die Schule für die Leseerziehung zuständig. Andere sind der Auffassung, Vorlesen schade dem Ehrgeiz, selbst das ABC zu beherrschen. Das Gegenteil ist der Fall: Vorlesestunden motivieren die Kinder, sich auch auf komplexere Texte einzulassen.
Mit vielen Projekten setzt sich die Stiftung Lesen für eine lebendige Vorlesekultur in Deutschland ein. Herausragend ist dabei der „Vorleseclub”: 9.000 ehrenamtliche Vorlesepaten lesen regelmäßig in Kindergärten, Kitas und Grundschulen vor. Sie werden von einem Expertinnenteam der Stiftung Lesen geschult und regelmäßig mit Vorlesetipps und anderen aktuellen Informationen versorgt.
Jüngstes Projektbeispiel ist die Initiative „Lesestart”: Ab Anfang Juni erhalten im Laufe von zwei Jahren 500.000 junge Eltern bei der Vorsorgeuntersuchung U6 vom Kinderarzt ein kostenloses Leseerziehungs-Paket mit einem Bilderbuch und vielen Informationen. Möglich wird dieses bislang größte Leseförderungsprojekt für Familien insbesondere durch das Engagement des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) und anderer Unternehmen. Denn nicht zuletzt in der Wirtschaft wächst das Bewusstsein dafür: Wer eine qualifizierte nachwachsende Generation möchte, die ihre Frau und ihren Mann steht, der muss dafür sorgen, dass unseren Kindern vorgelesen wird. Am besten jeden Tag.