Fußballer und Kultur

Der Schalker Profi Spieler Gerald Asamoah begeistert sich für Gospel. Im Jahr 2002 stand er sogar auf der Bühne der Dortmunder Westfalen­halle und sang bei einem Gospelkonzert mit.

Mit dem Titel „Gute Freunde kann niemand trennen" erreichte Franz Beckenbauer sogar eine Platzierung in den Charts. Mittlerweile hat er seine Sängerkarriere ja, dem Herrgott sei Dank, wieder aufgegeben.

Musiker Rod Stewart wäre der Legende nach gerne Fußballer geworden, hat sich aber dann für das Rockstarsein entschieden.

Umgekehrt erging es wohl Mehmet Scholl, der in seiner Freizeit nach der Kickerkarriere jetzt mangels Band und Instrument als DJ und Namensgeber für einen Indie-Sampler firmiert. Doch muss ein Fußballer unbedingt Künstler sein?

Dann doch lieber selber Kunst­werk, wie der unvergessliche Zinedine Zidane, dem ein ganzer Kinofilm gewidmet wurde. Das Werk ist eine Mischung zwischen Sport­dokumentation und Konzeptkunst und ist wohl das größte Denkmal, dass je einem Spieler gesetzt wurde.

Eine Zecke und drei Affen

PROFI-FUSSBALLER ANDREAS NEUENDORF ENTDECKT DIE MALEREI


So kennen ihn die wenigsten:
Andreas Neuendorf als Künstler.

Andreas Neuendorf errang unter dem Namen „Zecke“ Kultstatus in der Fußball-Bundesliga. Der 33 Jahre alte Spieler – Publikumsliebling bei Bayer Leverkusen und Hertha BSC Berlin, heute beim FC Ingolstadt – ist der erste deutsche Fußballer, der mit seinem Künstlernamen auf dem Trikot kicken darf. Wie es dazu kam und warum er dabei die Malerei für sich entdeckte, erzählt er KiKuMa. Für die Europameisterschaft tippt Zecke auf Deutschland oder die Türkei als Sieger.

Wie bist du zu deinem Spitz­namen „Zecke“ gekommen?

Mit 18 lag ich nach einem Trainings­lager bei Bayer 04 Leverkusen wegen eines Zeckenbisses drei Tage auf der Intensivstation. Als ich zum Training zurückkam, begrüßte mich der Stürmer Ulf Kirsten mit den Worten: „Ach, da kommt die Zecke ja.“ Ab da haben mich alle Zecke genannt, auch die Fans. Irgendwann dachte ich mir, ich unterschreibe nur noch mit Zecke statt Andreas Neuendorf. Kurz und knapp, und mein Arm tut nicht mehr so weh beim Autogramme schreiben.
Und dann hat sich dein Künstlername verselbständigt?
Genau. Die Presse fing an, den Namen zu übernehmen. Anfangs hieß es Andreas Zecke Neuendorf, zum Schluss nur noch Zecke. Irgendwann kam es dazu, dass mich jemand fragte, warum ich nicht Zecke hinten auf das Trikot machen lasse. Ich dachte mir, keine schlechte Idee.

Aber die Deutsche Fußball-Liga  fand die Idee gar nicht so gut?

Richtig, sie war total dagegen. Man hatte Angst, dass bald jeder seinen Spitznamen auf dem Trikot trägt. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) erlaubt nur einen Namen, der auch im Pass steht. Bei den Brasilianern ist das ja ganz anders. Bei uns sitzen ja zum großen Teil etwas ältere Herren in diesen Gremien, und irgendjemand hat wohl mal gesagt: Nein, das möchte ich nicht, und da haben alle anderen die Hand gehoben: Nee, das wollen wir nicht.


So kennt man Zecke: als knall­harten Fußball­spieler.

So kennt man Zecke: als knall­harten Fußball­spieler.

Du hast nicht aufgegeben?

Ich bin zum Passamt gegangen, dort hieß es erst mal: „Gar kein Problem. Sie brauchen nur einen Ordner mit einigen Schriftbeweisen, aus denen hervorgeht, dass die Presse Sie immer Zecke ruft.“ Plötzlich wurde es aber schwierig. Von oberster Stelle kam ein Anruf, dass es nicht gehen würde.

Auch die Damen und Herren, die mich damals beim Amt betreut haben, meinten, es sei noch nie vorgekommen, dass so vehement gegen den Eintrag eines Künstlernamens interveniert wurde. Nur aus diesem Grund habe ich damals gesagt, jetzt will ich erst recht. Jemand schlug mir vor, ich solle doch ein paar Bilder malen, denn dann sei ich doch Künstler. So habe ich angefangen Aquarellbilder zu malen.

Gab es einen besonderen Grund, dass du dich für Aquarellmalerei entschieden hast?

Nö. Das war zu der Zeit das Einfachste und Schnellste. Ich bin auch nicht so künstlerisch begabt. Inzwischen habe ich allerdings ein, zwei Bilder gemacht, von denen ich manchmal selber sage: „Wow, die hauen mich um.“

Du hast einmal gesagt, dass dein sechsjähriger Sohn genauso gut malt wie du. Heißt das, dass er so talentiert ist wie du, oder dass du dein Talent nicht so hoch einstufst?

Meiner Meinung nach sind alle Kinder begabt. Man muss sich nur ansehen, was die so zu Papier bringen. Ich weiß nicht, ob ich das alles so hinkriegen würde. Mit meiner Aussage wollte ich unterstreichen, dass ich mich nicht als Künstler sehe. Meine dama­ligen Bilder waren recht einfach. Ich habe angefangen, einen Kreis zu malen, dann habe ich ein Quadrat gemalt, dann ein Dreieck, habe das ein bisschen ausgemalt und gedreht, und es sah irgendwie aus wie ein Gesicht.

Immerhin hat es gereicht, dass du als Künstler anerkannt wurdest.

Meine ersten beiden Bilder wurden im Internet für einen guten Zweck versteigert. Die Zeitungen haben darüber viel geschrieben. Mit den Artikeln bin ich zum Passamt und habe gesagt: „Ich habe künstlerisch gearbeitet. Auch wenn ich keinen Künstlertitel von der Universität oder so habe.“ Die fanden das alle lustig, schließlich
haben sie mir dann in meinen Reise­pass „Zecke“ eingetragen und abge­stempelt.

Zecke: der erste deutsche Fuß­ballprofi mit seinem Künstler­namen auf dem Trikot.

Zecke: der erste deutsche Fuß­ballprofi mit seinem Künstler­namen auf dem Trikot.

Würdest du sagen, eigentlich kann jeder malen oder sollte man eine spezielle Künstlerschule besuchen, um eine Ausbildung zu machen?

Ich habe immer gesagt, dass es mir unheimlich leid tut für die Leute, die Fachhochschulen, Kunsthochschulen und so weiter besuchen und sich da richtig reinhängen, aber nicht die Beachtung finden. Aus meiner Sicht sind diese Menschen richtige Künstler, gerade auch die Straßenmaler. Ich habe davor absoluten Respekt und Hochachtung. Sie bekommen nicht dieses Rampenlicht, das mir nur durch ein bisschen Fußball spielen gegeben worden ist.

Hat sich dein Interesse an Kunst, seitdem du selber malst, geändert? Bist du vorher in Aus­stel­lungen gegangen oder interessierst du dich seitdem eher dafür?

Ich weiß nicht, ob das auch mit dem Alter zu tun hat, dass man sich zunehmend für Kunst interessiert. Bei mir ist das Interesse jedenfalls inzwischen viel größer als früher.

Woher stammen die Ideen für deine Bilder? Was inspiriert dich?

Ich habe immer ein paar Leinwände herumstehen und dann heißt es von Freunden: Mach doch mal. Oder die oder ich fangen an was hinzukritzeln. Daraus entstehen dann irgendwelche lustigen Bilder.

Gibt es ein Bild, auf das du besonders stolz bist?

Ich bin kürzlich nach Ingolstadt gewechselt und bin vorher mit dem Vereinschef, Peter Jackwerth, zweimal Essen gegangen. Er malt auch. Er bat mich, für ihn was zu malen. Wir sind dann so verblieben, dass ich ihm ein kleines Bild male, egal, ob ich von Hertha zu Ingolstadt wechseln würde oder nicht.

Ich habe mir extra eine Leinwand anfertigen lassen, zwei mal ein Meter. Er hat nämlich riesige Büroräume. Ich hatte die Leinwand bei mir im Wohn­zimmer stehen und habe irgendwann mal angefangen. Ich habe die bestimmt drei oder vier Mal immer wieder übermalt, weil ich dachte, ich kann dem Typen, der auch was mit Kunst zu tun hat, nicht nur einen Ball hin malen. Da fing es wirklich an, dass ich mir echt grundlegend Ge­dan­­ken gemacht habe, was ich da machen kann. Der kreative Prozess dauerte ungefähr vier Monate. Schließlich habe ich drei Äffchen
gemalt. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Dieses Mal habe ich auch mit Aquarell gemalt.

Und ganz, ganz, ganz ehrlich, ich war selber begeistert. Ich lob mich nie selber und bin überkritisch. Aber in diesem Fall muss ich ehrlich sagen, dass ist ein Granatenbild. Das hängt nun bei ihm im Büro.

Wie sind die Reaktionen auf deine Werke? Gibt es Kunst­kritiker, die dich und deine Werke richtig ernst nehmen oder hast du das Gefühl, belächelt zu werden?

Ich weiß nicht ob ein Kunstkritiker sich jemals überhaupt eine Sekunde Zeit genommen hat, diese Werke zu beurteilen. Und selbst wenn, ich belächle die Werke ja selber – bis auf das jüngste mit den drei Affen. Wenn ich mit meinem Sohn zusammen bin, finde ich nach wie vor, dass er genauso gut malen und zeichnen kann wie ich.

Interview: Claudia Norberg