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Ihr müsst es nicht gleich mit Ketchup an den Tapeten versuchen. Es gibt viele Möglichkeiten, interessante Bilder wie ein Künstler zu gestalten. Wenn ihr zum Beispiel festen Stoff auf ein Rechteck aus Holzlatten spannt, könnt ihr darauf mit vielen Materialien Bilder gestalten, – natürlich auch mit Ketchup. Fotografiert eure Kunstwerke und schickt uns diese: info@kikuma.de
sagt der kleine Timmi stolz und strahlt seine Mama an. Es ist viel los an diesem Tag auf der Ausstellung in Berlin. Die junge Frau schiebt sich durch die Menschenmassen und liest auf einem kleinen Schild neben dem Bild: „Die kleine Blonde im Park der Attraktionen” von Joan Miró. Sie bekommt täglich von ihrem Sohn viele bunte Bilder geschenkt. Nur ist dieses hier eben von Miró und unbezahlbar.
Was der Sohn ungeniert ausspricht, geht vielen Betrachtern abstrakter Kunst durch den Kopf. Und die Annahme, der Künstler könne ja wohl kaum länger als eine Stunde für ein paar Kleckse benötigt haben, lässt meist auch einen Funken Neid aufkommen. Wenn sich also die Anerkennung und das ‚gute Gefühl’ beim Betrachten eines Bildes nicht so richtig einstellen wollen, kann man es zumindest noch für seine Lebensoptionen nutzen, à la „Wenn mal nix mehr geht, kann ich immer noch malen”. Das ist ja auch ein gutes Gefühl. Falls nun die Produkte der wenigen Mutigen, respektive Naiven, die es wirklich selbst versuchen, dann doch nicht den Anklang finden, ist es eben die falsche Zeit, der falsche Ort und/oder das falsche Publikum. Die Welt ist voll von verkannten Genies.
Markus Lüpertz
Was aber macht das eine Bild zu unschätzbarer Kunst, während das andere maximal zum Abdecken alter Löcher im Putz taugt? Picasso beschreibt es so: „Es gibt Maler, die die Sonne in einen gelben Fleck verwandeln. Es gibt aber andere, die dank ihrer Kunst und Intelligenz einen gelben Fleck in die Sonne verwandeln”. Klingt gut, kann man nachempfinden. Ist aber nicht konkret genug, um die Vielfalt der Objekte in Kunst oder nicht Kunst einzuteilen. Oder gar die Gewichtung von Handwerk und Kreativität näher zu bestimmen. An Kreativität jedenfalls mangelt es Timmi bestimmt nicht. Gepaart mit wildem Aktionismus verwandelt er selbst aussagelose Wände in impressionistische Feuerwerke. Was für uns banaler Ketchup, ist für ihn Arbeitsmaterial. Schon mit etwas Fingerfertigkeit lassen sich wundersame Muster auf den Tisch zaubern. Instinktiv versucht er den Moment festzuhalten, spürt, dass man etwas einfängt. An eine Ohrfeige hatte er dabei weniger gedacht. Warum nur hat die Mutter kein Verständnis für Kunst am Objekt?
Max Beckmann
Im Museum war das doch alles toll, toll, toll. Und hier fordert die Unwissende auch noch lauthals mit den Worten „Wegputzen, aber dalli!” die zeitnahe Entfernung seiner Werke. Warum nur? Das ist doch schön und schließlich ist „der Künstler ein Schöpfer schöner Dinge” (Oscar Wilde). Sicher, nur leider wird hier Mamas ästhetischer Sinn (Kreativität) von der Art der Umsetzung (Handwerk) blockiert. Das gilt auch generell in der Kunst, denn schon hier scheiden sich bekanntermaßen die Geister. Während der eine nach dem unnachahmlichen Pinselstrich, der Perfektion der Ausführung, dem sichtbaren Zeitaufwand sucht, zählt für den anderen nur die Idee, die neue Perspektive, der Skandal. Natürlich haben beide Recht. Wäre auch alles schön und gut, wenn es nicht an der Anerkennung des jeweils anderen mangeln würde. Alles mündet also in die ewige Frage: Ist Kunst definierbar? Ja, sicher. Genauso leicht, wie der Sinn des Lebens. Das Statement Andy Warhols „Kunst ist alles” sagt zwar aus, dass sich die ganze Welt in der Kunst wiederfindet, lässt sich aber keineswegs leichtsinnig in „Alles ist Kunst“ umkehren. Dann wären wir natürlich alle Künstler und dem ist nicht so. Schließlich nimmt die Künstlersozialkasse nicht jeden. Da heißt es: „Künstler ist, wer Musik, darstellende oder bildende Kunst schafft, ausübt oder lehrt. Die künstlerische oder publizistische Tätigkeit muss selbstständig und erwerbsmäßig ausgeübt werden.”
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Kunst oder nicht? Fakt ist, „Drachen” hat der vierjährige Falco in mehrstündiger Malsitzung zu Papier gebracht. |
Und jetzt kommt’s: „Selbstverständlich benötigt die Künstlersozialkasse Nachweise und Unterlagen … z.B. Rechnungen mit dem Nachweis über den entsprechenden Geldeingang, Vertragskopien, Auftragsbestätigungen etc. …” Aha. Wenn keiner für meine Kunst Geld bezahlt, ist es auch keine Kunst. Zumindest entscheidet keine Fachjury die Unterstützungswürdigkeit, sondern die Allgemeinheit, die die Kunst mit ‚entsprechendem Geldeingang’ bestätigt. Nun bestätigt die Existenz einer Künstlersozialkasse wiederum, die dem Künstlertum allgemein nachgesagte ‚Brotlosigkeit’. Will heißen, es überschätzen wohl doch zu viele ihre Fähigkeit, aus einem gelben Fleck eine Sonne machen zu können. Keine Sonne, kein Publikum, kein Geld.
Was empfinden wir, wenn unsere pubertierenden Kinder auf den Vorschlag eines Medizin- oder Jurastudiums antworten: „Nee, danke. Ich will Künstler werden”. Wir empfinden Angst. Angst, die nächsten 40 Jahre ihre Miete, ihr Futter und ihre Handyrechnung bezahlen zu müssen. Künstlertum ist schließlich keine lineare Angelegenheit, die man lernt, beherrscht und dann erfolgreich ist. Meist steht doch am Ende der Lebenskünstler. Verkannt ist dann das schönere Wort für untalentiert.
Henri Matisse
Wäre aber nicht nur Handwerk, sondern Kunst als solches lehrbar, müsste sie auch definierbar sein. Andererseits kann man sicher annehmen, dass sich nicht wenige tote Künstler spätestens über die Interpretationen ihrer Bilder totlachen würden. Stellen Sie sich einfach vor, Herr Kandinsky hört jetzt Ihre Interpretation seines Werkes „Improvisation 7”. Na los … Nicht so leicht? Das hat wohl auch Goethe schon erkannt: „Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen; darum scheint es eine Torheit, sie wieder durch Worte vermitteln zu wollen”.
Klar ist, die Kunst sucht sich ihr eigenes Publikum, und der Künstler hat das zu akzeptieren. Wiewohl er davon ausgehen kann, dass potenzielle Käufer nicht zu weit von seiner Lebensauffassung entfernt sein dürften. Der gut gelaunte Frühaufsteher, der morgens ein Liedchen pfeifend seine Küche betritt, wird sich weniger die „Kreuzigung” von Egon Schiele über den Toaster hängen, genauso wenig wie der belesene, gesetztere Herr in seiner Bibliothek die „Offenen Thunfischdosen mit lebendem Madenbefall” des Wuppertaler Künstlers S.M.R. Motamedi aufstellen wird. Wenn alles geht, warum ist dann unser runter gefallenes Butterbrot ein Malheur und Beuys’ Butterfleck Kunst? Richtig, wegen des Marketings. Vielleicht wäre also unser Butterbrot, wenn wir es am besten samt zerbrochener Küchenfliese (Emanzipationssymbol/Befreiung der Hausfrau) mit einem darin steckenden, martialisch wirkenden Küchenmesser (Schocker/Gewalt in der Ehe) in einer Galerie ausstellten, Tausende von Euros wert.
Könnten Timmis Simulatoren vielleicht ebenso Tausende von Euros wert sein? Vielleicht. Vielleicht, wenn seine Mutter die Bilder zum Beispiel in einem Café aufhängen lässt. Wie Frau Olmstead, die genau dieses mit den Bildern ihrer Tochter Marla tat. Marla war vier, es war die richtige Zeit und das kleine verschlafene Nest Binghamton im Staat New York der richtige Ort. Das richtige Publikum kam und heute sind Marlas Bilder 25.000 Dollar wert. In Manhattan, versteht sich.
Paul Klee
Wenn nun Kunst alles ist und alles Kunst sein kann, dann gibt es ja gar keine ‚Nicht-Kunst’, sondern nur Unvermarktetes. Aber wenn es keine ‚Nicht-Kunst’ gibt, gibt es dann überhaupt Kunst? Nein, wenn wir Karl Valentin glauben: „Wenn man was ko, ist es ka Kunst nimmer, wenn man’s nicht ko, erst recht nicht.”